Biofeedback und Stress

 

Stress und seine körperlichen Auswirkungen

 

Viele Menschen meinen Stress bestünde ausschließlich dann, wenn sie viel Arbeit auf dem Schreibtisch liegen hätten, im Stau steckten, in der Warteschlange stünden, Streit mit dem Nachbarn hätten oder ihnen der Bus vor der Nase wegführe. "Stress" ist das englische Wort für "Belastung". Allgemein spricht man in der Psychologie immer dann von Stress, wenn ein Organismus an eine neue Situation Anpassungsleistungen vollbringen muss. Vereinfacht ausgedrückt könnte man besser sagen, man hat immer dann Stress, wenn man belastende Gefühle erlebt. Demzufolge sind also nicht nur die eben beschriebenen äußeren Belastungssituationen Stress erzeugend. Auch innere psychische belastende Zustände wie beispielsweise überzogene Leistungsansprüche am Arbeitsplatz, unausgesprochene Konflikte mit dem Partner oder ein verdrängtes Trauma zu haben sowie sich als Rentner unnütz zu fühlen, seinen Krankheitssymptomen hilflos ausgeliefert zu sein, sich sexuell unausgeglichen zu fühlen, unter Einsamkeit zu leiden usw. lösen im Körper 'nervlich' und über Botenstoffe im Blut 'hormonell' Stress-Reaktionen aus.

 

Der Mensch besitzt zwei Hauptnerveneinheiten: Zum einen das vom Willen genutzte sogenannte "Willkürliche Nervensystem", um bestimmte Handlungen auszuführen. So führen Sie im Moment vielleicht eine Computer-Maus und rollen das Mausrad oder klicken auf die Maustasten, um durch diese Internetseiten zu navigieren. Zum anderen gibt es auch eine Nerveneinheit, die nicht oder zumindest nicht ungeübt (ohne Entspannungstraining oder Biofeedback-Therapie!) vom menschlichen Willen beeinflussbar ist: das "Vegetative" oder auch "Autonome Nervensystem". Es ist wichtig für körperliche Vorgänge, die automatisch ablaufen, wie z.B. Atmung, Verdauung, Herzschlag, Blutdruck, Muskelspannung für die aufrechte Haltung, Immunsystem (Abwehr von Krankheitserregern in Blut und Lymphe) und vieles mehr.

 

Dr. Axel Schildt

Der Körper reagiert bei Stress vor allem mit der entwicklungsgeschichtlichen (schon seit urmenschlichen Zeiten bestehenden) Kampf-Flucht-Erstarrungs-Reaktion des vegetativen Nervensystems: mit der Sympathikus-Erregung und mit der Ausschüttung von Stresshormonen in die Blutbahn. Das führt dann vor allem zu

  • verstärkter Muskelanspannung
  • höherem Blutdruck und Puls/Herzschlag
  • flach und kurz werdender Atem
  • verstärktes Schwitzen
  • schlechter durchbluteten körperlichen Randbereiche und steigender Blutgerinnung (= schlechtere Fließeigenschaft)
  • verminderter Magentätigkeit und Verdauung
  • Einschränkung der flexiblen Denkleistungsfähigkeit
  • und ähnliches mehr

 

 

Welchen Sinn hat die Stress-Reaktion?

 

Es scheint erst einmal unsinnig von der Natur eingerichtet worden zu sein, zum Beispiel bei einem Bewerbungsgespräch oder in einer Prüfung mit Schwitzen, Zittern, erhöht pulsierendem Herzschlag und eingeschränkter geistiger Kraft zu reagieren. In der frühen Menschheitsgeschichte hatte das aber einmal seinen guten Sinn, auf Bedrohungen oder Belastungen so zu reagieren: Durch diese Stressreaktion wurden beim Urmenschen in aller kürzester Zeit alle verfügbaren Kräfte bereitgestellt, wenn er z.B. von einem Bären angegriffen wurde. Er war somit sofort bereit mit Kämpfen, Fliehen oder einem Totstell-Reflex zu reagieren. Durch die verengten Adern in Händen und Füßen, die verminderte Durchblutung der Eingeweide und die erhöhte Blutgerinnung verblutete er nicht so schnell bei Verletzungen. Durch die Muskelspannung konnte er schneller sich wehren oder wegrennen beziehungsweise sich auf einen Baum retten. Die erhöhte Herzrate förderte mehr Blut zu den Muskeln und versorgte sie so vermehrt mit Sauerstoff und Nährstoffen, um sie zu kräftigen. Die eingeschränkte Denkleistung verhinderte ein zu langes Nachdenken über Handlungsalternativen und ermöglichte die blitzschnelle Wahl ausschließlich zwischen Flucht, Angriff oder Todstellen.

 

Nach dieser jeweiligen Handlung hatte er die bereitgestellte Kraft verbraucht und eine Erholungsreaktion setzte ein. Eine Gegenreaktion des anderen Teils des vegetativen Nervensystems - dem Parasympathikus - zur Stress-Reaktion: die Muskeln entspannen sich, der Blutdruck und die Herzrate sinken, die Randbereiche des Körpers werden besser durchblutet, die Atmung wird tiefer und länger, die Magentätigkeit und Verdauung steigen und der Körper sowie die Psyche des Menschen haben dadurch die Möglichkeit, sich wieder zu regenerieren.

 

Diese beiden Körperreaktionen - die Kampf-Fluchtreaktion und die Erholungsreaktion - müssen im Gleichgewicht sein, d.h. sie müssen regelmäßig abwechselnd auftreten, um den Organismus gesund zu erhalten. Stress darf also gerne auftreten, ist in gewissem Maße auch der Gesundheit zuträglich. Nur der Dauerstress oder ein extrem starker Stressauslöser (traumatisches Erlebnis oder ähnliches) können für den Körper und die Psyche sehr schädlich sein. Daher ist es wichtig für regelmäßige Erholungszeiten zu sorgen, damit eine gesunde oder genesende Balance in unserem Nervensystem zwischen Sympathikus und Parasympathikus besteht.

 

 

Wie kommt es zu Stresserkrankungen?

 

Experten schätzen, dass 50-80% aller Krankheiten und psychosomatischen Beschwerden durch Stress verursacht oder zumindest mit verursacht sind. Ist eine körperliche Stress-Reaktion dauerhaft im Übermaß vorhanden, kann es zu einer Überstrapazierung des Körpers und der Psyche kommen und bei vorhandenen "Schwachstellen" dann zu dauerhaften Schädigungen führen ('Diathese-Stress-Modell' in der Psychologie).

 

Da im heutigen Leben die Stress auslösenden Situationen nicht mehr so eindeutig sind, so z.B. die Überforderung am Arbeitsplatz, ständiger Zeitdruck, Verkehrslärm, wird die durch die körperliche Stress-Reaktion bereitgestellte Kraft nicht sofort mit "Kampf", "Flucht" oder "Erstarrung" verbraucht. So kann man beispielsweise ja nicht den autoritären Personalchef während des Bewerbungsgespräches K.O. schlagen, einfach aus dem Zimmer rennen oder sich Tod stellen und hoffen, dass er von einem ablässt! Es findet also eine ständige Anspannung durch die dauerhafte Bereitstellung der Kraftreserven im Menschen statt, weil diese nicht durch "Kampf", "Flucht" oder "Erstarren" verbraucht werden. Sie bleiben damit quasi aufgestaut. Der Mensch steht damit unter einer langanhaltenden Dauererregung und das Nervensystem "schaltet" nicht mehr zur Erholungsreaktion um.

 

Da Energie immer verbraucht werden will, sucht sie sich ihren Weg auch in Zeiten ohne Belastung. Ein anhaltend erhöhtes Stress-Niveau führt somit nicht selten zu einer Chronifizierung dieser physiologischen Reaktionen und verursacht anhaltende Funktionsbeeinträchtigungen oder sogar Gewebe beeinträchtigende Schädigungen und somit Krankheiten. Bei einigen Menschen führt die muskuläre Verengung der Adern zu Bluthochdruck (oder bei schlagartiger Gefäßerweiterung als Überlastungskompensation zu Migräne). Bei anderen spannt sich nachts die Kiefermuskulatur an, was zu nächtlichem Zähneknirschen (Bruxismus) führt. Wieder bei anderen verspannen sich die Nacken- und/oder die Stirnmuskeln und es entsteht ein Halswirbelsäulensyndrom oder ein Spannungskopfschmerz und vieles mehr. Dieses kann im Körper bei Vorhandensein von Schwachstellen durch die Überstrapazierung auch zu Schädigungen führen. So beispielsweise kann ein zunächst unbemerkt vorgeschädigtes Innenohr bei andauernden Stress-Reaktionen zu Hörsturz, Ohrgeräuschen ('Tinnitus') und damit zusammenhängender Schwindelsymptomatik oder extremer Geräuschüberempfindlichkeit ('Hyperakusis') führen.

 

Außer beispielsweise im Kriegseinsatz oder wenn man sich mit einem Hechtsprung vor einem vorbei rasenden Auto vom Zebrastreifen retten muss, ist heute die "Kampf-Fluchtreaktion" nicht mehr sehr nützlich. Es ist eher sogar das gegenteilige Verhalten sinnvoll:

 

Man sollte auf die meisten Stress-Reaktionen mit Achtsamkeit und Entspannung reagieren, um eine gesundheitsfördernde heitere Gelassenheit zu bewahren.


Hierbei ist die

 

Biofeedback-Therapie

 

von großem Nutzen:

 

Über das apparategestützte differenzierte Achtsamkeitstraining bezüglich persönlicher spezieller Körperreaktionen auf Belastungen wird eine gezielte Entspannungs-Kompetenz erwirkt und nachhaltig erlernt. Durch die eigene (oft erstmals) erlebte Symptom-Kontroll-Fähigkeit nimmt die Stressbelastung ab und steigt die Lebensqualität an.