Therapeutische Wirkfaktoren der Gruppenpsychotherapie

(nach Yalom)

 

1. Hoffnung / Therapieerfolgserwartung:

Gruppenmitglieder können Hoffnung schöpfen, wenn sie andere Personen aus der Gruppe von der Therapie profitieren sehen.


2. Allgemeingültigkeit:

Viele Patienten haben das innere Gefühl, sie seien einzigartig in ihrem Elend und nur sie allein hätten bestimmte erschreckende oder unerwünschte Impulse und Fantasien. In der Gruppe hören Sie, dass andere sich mit ähnlichen Sorgen, Fantasien oder Lebenserfahrungen plagen. Schwindet das Gefühl der negativen Einzigartigkeit, führt das zu großer Erleichterung.


3. Informationsvermittlung:

Therapiegruppen versorgen ihrer Mitglieder indirekt oder gezielt mit psychologi-schen Informationen.


4. Hilfsbereitschaft:

Mitglieder erfahren in der Therapiegruppe Hilfe, indem sie anderen helfen.


5. Konfliktlösendes Aufarbeiten der Erfahrungen in der Herkunftsfamilie:

In der Gruppentherapiesituati-on werden oft alte familiäre Konflikte unbewusst reinszeniert und nochmals stellvertretend durchlebt. Sie kön-nen daher im Gruppentherapiesetting besonders gut therapeutisch reflektiert und lösungsorientiert bearbeitet werden.


6. Entwicklung optimalerer sozialer Umgangsformen:

In Gruppen können soziale Fertigkeiten durch ge-genseitiges Feed-back indirekt eingeübt werden, das den Teilnehmern viele Informationen über unangepasstes oder unsympathisches zwischenmenschliches Verhalten liefert. Mitglieder von Langzeitgruppen lernen hoch kompetent zuzuhören, auf andere einzugehen, unvoreingenommen zu sein sowie Mitgefühl zu entwickeln und auszudrücken - Fertigkeiten, die im zukünftigen optimierten zwischenmenschlichen Umgang außerhalb der Gruppe große Bedeutung besitzen werden.


7. Lernen am Vorbild:

Teilnehmer an Therapiegruppen nehmen sich oft Verhaltensweisen anderer Teilnehmer oder des Therapeuten zum Modell. Selbst wenn die Vorbildfunktion nur von kurzer Dauer ist, hat die Erprobung neuer Verhaltensweisen in der Gruppe unschätzbaren Wert bei der Auflösung erstarrter Verhaltensmuster. Nicht so aktive Gruppenmitglieder profitieren besonders von diesen Stellvertretereffekten.


8. Gefühlsausdruck:

Gefühle offen auszudrücken und Affekte freizusetzen sind wichtiger Bestandteil der Gruppentherapieerfahrung. Besonders bedeutsam ist dabei, dass die Teilnehmer lernen, wie sie Gefühle aus-drücken können und dass der Ausdruck von Gefühlen keine Katastrophe im zwischenmenschlichen Umgang darstellt.


9. Existenzielle Faktoren:

Der Einzelne schafft sich seinen eigenen interpersonellen Raum in der Gruppe selbst. Für die jeweilige Nische oder Rolle, die er sich innerhalb der Gruppe geschaffen hat, ist jeder selbst ver-antwortlich, weil jeder mit den gleichen Voraussetzungen in die Therapiegruppe »geboren« wurde, und daher auch dafür, wie andere ihn sehen und behandeln. Alles, was einem Patienten in der Gruppe widerfährt, ist Kon-sequenz seines eigenen Verhaltens. Es ist sinnvoll für ihn dabei eine klare Abfolge von Lernschritten zu durchlaufen: - Wie werde ich von anderen wahrgenommen?
- Welche Gefühle ruft mein Verhalten bei anderen hervor?
- Wie beeinflusst dieses Verhalten die Meinung oder den Eindruck anderer von mir?
- Welche Auswirkungen hat dies alles auf mein Selbstwertgefühl?


10. Gruppenzugehörigkeitsgefühl:

Die Erfahrungen innerhalb einer Gruppe, etwas zu teilen, akzeptiert zu werden und eine Gruppensituation erfolgreich zu meistern, entfaltet große therapeutische Wirkung.


11. Interpersonelles Lernen:

Man geht davon aus, das psychische Störungen oder Krankheiten zu einem sehr hohen Grad in gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen gründen.
Egal welches zwischenmenschliche Problem ein Patient hat - sei es Abhängigkeit, Aggressivität, Narzissmus, soziale Ängstlichkeit, Minderwertigkeit oder Ähnliches -, in seinem Verhalten in der Therapiegruppe wird es zu Tage treten. Auf diese Weise wird die Gruppe zu einem sozialen Mikrokosmos und kann das interpersonelle Verhalten eines jeden Mitglieds analysieren und umtrainieren helfen.


Die Argumente für die therapeutische Betonung des »Hier & Jetzt« liegt deshalb nahe: Um das Wesen der tieferliegenden Pathologie einer Person zu erkennen, braucht der Therapeut vom Patienten keine detaillierte, in die Vergangenheit zurückgreifende Schilderung dieser Problemlage. Sämtliche Informationen, die ein Therapeut für die Beurteilung der grundlegenden Probleme eines Patienten braucht, offenbaren sich im gruppentherapeuti-schen Prozess. Im Laufe der Therapiegruppensitzungen reproduziert jeder Patient unvorteilhafte bzw. unange-passte zwischenmenschliche Verhaltensmuster. Die anderen Gruppenmitglieder können dieses Verhalten be-obachten, jedes von Ihnen aus einer leicht veränderten Perspektive. So erhält man eine Fülle von Informationen. Therapeutisch werden diese zu Tage gefördert und dem Patienten verträglich zugänglich gemacht. Indem der einzelne Patient angeleitet wird, sich mit den Augen anderer zu betrachten und sein problematisches Verhalten in der Gruppe zu erkennen, wird ihm therapeutisch geholfen zu verstehen, was in seinem allgemeinen sozialen Umfeld schief gelaufen ist.


Die Konzentration auf das Hier & Jetzt stellt nicht nur jedem Patienten eine unschätzbare Quelle an Informatio-nen zur Verfügung, sondern bietet ihm auch eine sichere Bühne, um mit neuen Verhaltensweisen zu experimen-tieren. Einer der Gründe für ein Erstarren des Problemverhaltens ist der, dass Menschen zählebige Katastrophenängste entwickeln und glauben, etwas extrem Unangenehmes können passieren, sollten Sie Ihr Verhalten ändern. Der entscheidende therapeutische Mechanismus besteht darin, die Verhaltensweisen, vor denen man solche Angst hat, auszuprobieren und dabei festzustellen, dass die erwarteten Katastrophen nicht eintreten. Neues Verhalten im normalen sozialen Umfeld zu erproben, birgt aber oft größere Risiken: Wichtige Beziehungen könnten Schaden nehmen oder Menschen, von denen man abhängig ist, könnten sich abwenden und es gibt keine Gewähr für aufrichtige und nicht gespielte Reaktionen unter den Mitmenschen. Erfolge in der Therapiegruppe übertragen sich aber trotzdem schnell und nahezu automatisch auf das Verhalten außerhalb der Gruppe. Nach dem Patienten neues Verhalten in der Gruppe erfolgreich ausprobiert haben, verändern sie analog dazu Ihr Verhalten auch anderorts.